Facebook und das Ammenmärchen von der Relevanz

Facebook und das Ammenmärchen von der Relevanz

facebook esm computer

Wenn Sie sich darüber wundern, dass Sie die verschwommen Party-Bilder Ihres Ex-Partners* plötzlich nicht mehr auf der Facebook-Startseite angezeigt bekommen, muss das nicht zwangsläufig daran liegen, dass Ihr früherer Lebensgefährte endlich zur Vernunft gekommen und abstinent geworden ist. Viel wahrscheinlicher ist, dass er oder sie immer noch gerne in Kneipen rumhängt und sich auch weiterhin im Internet als Held der flüssigen Abendgestaltung bloßstellt. Dass Sie nun aber die Exzess-Bilder inklusive Betrunkenheits-Level nicht mehr als Ereignis angezeigt bekommen, verdanken Sie Facebook, das Ihnen wegen eines sogenannten sozialen Suchalgorithmus‘ ganz gezielt bestimmte Beiträge mit dem Scheinargument der thematischen Relevanz vorenthält.

Facebook noch undurchsichtiger als Google

Was im Fall des ständig alkoholisierten Ex-Partners noch banal erscheinen mag, kann gerade bei Freunden, zu denen man eher weniger Kontakt hat, richtig ärgerlich sein. Soziale Netzwerke sind – wie der Name schon verrät – zum sozialen Netzwerken gedacht und sollen Menschen über die Ereignisse und Entwicklungen anderer meist persönlich bekannter Menschen informieren. Als ich aber vor ein paar Wochen die Profile einiger Facebook-Freunde überflog, musste sie nicht nur erstaunt feststellen, dass es ein früherer Nachbar trotz diverser Jugendvorstrafen mittlerweile bei der Polizei arbeitet, sondern auch, dass meine große Uni-Liebe zwischenzeitlich geschieden ist und heute gerade mal 25 Kilometer von mir entfernt lebt. Facebook hielt diese Informationen offensichtlich für nicht relevant genug, um sie mir in meiner Startseite anzuzeigen. Im Fall meiner Uni-Romanze sogar, obwohl ich mit entsprechendem Beziehungsstatus-Vermerk bei Facebook als Single bekannt bin. 

Auf großes Unverständnis trifft es bei mir auch, wenn die Facebook-Posts meines Arbeitgebers, nicht auf meiner Seite erscheinen, oder wenn mir – nur weil ich ein paar mal das „Liken“ vergessen habe – plötzlich die leckeren Rezeptideen eines bekannten Münchner Restaurant-Betreibers nicht mehr angezeigt werden.

facebook beitragsreichweite

Skandal: tausende Fans, aber kaum Beitragsreichweite

Der Umgang mit dem weltgrößten sozialen Network ist aber nicht nur für Privatanwender deutlich komplexer geworden. Auch für Unternehmen ist es mitnichten einfach, Fans und „Gefällt mir“-Angaben auf Facebook zu gewinnen. Zwar wird seitens des Social-Network-Konzerns und von selbsternannten Experten immer wieder darauf hingewiesen, dass sich mit guten und originellen Posts auch ein gutes Feedback und eine hohe Aufmerksamkeit für eine Firma oder ein bestimmtes Produkt erreichen ließe, doch wer als Unternehmer ohne Budget bei Facebook erfolgreich sein will, wird schnell feststellen, dass im Grunde Kreativität und Ideenreichtum ohne den Einsatz des schnöden Mammons nicht viel wert sind.

Will ein Unternehmen eine Webseite für Google optimieren, damit sie in den Suchergebnissen besser „rankt“ und sichtbarer für die Netzgemeinde wird, hat es ein ganzes Potpourri an Möglichkeiten, das zu tun. Es gibt jede Menge Empfehlungen und Tools. Zwar gibt es die auch bei Facebook, jedoch ist der Dreh-und Angelpunkt jeder Such-und Relevanz-Optimierung, nämlich der sogenannte Suchalgorithmus, beim Social-Network-Marktführer noch um ein Vielfaches undurchsichtiger als der von Google. Die Chancen, dass sich das irgendwann ändern wird und mehr Transparenz einkehrt, sind gering. Facebook verdient viel zu gut an den Firmen-und Werbekunden, die sich wegen der fehlenden Transparenz des sozialen Suchalgorithmus‘ Reichweite und Relevanz teuer erkaufen müssen.

Schikane – Anzeigengestaltung bei Facebook

Facebook gibt sich wirklich alle Mühe, Grafikern und Textern das Berufsleben schwer zu machen. Bildanzeigen dürfen maximal einen Textanteil von 20 Prozent enthalten, da ansonsten die Annoncen nicht den Werberichtlinien des sozialen Netzwerks entsprechen, und die Veröffentlichung so plötzlich gestoppt wird, wie sie begonnen hat. Immerhin bietet Facebook ein sogenanntes Grid-Tool an, mit dem sich angeblich sehr einfach herausfinden lässt, ob eine liebevoll und aufwendig gestaltete Annonce für ein Produkt oder ein Unternehmen auch tatsächlich mit den strengen Vorgaben des Anzeigenverkaufs vereinbar ist. Dafür lädt man zunächst auf der Facebook-Seite die Annonce hoch, die dann mit einem Raster aus 25 Quadraten belegt wird. Anschließend hat man die Möglichkeit, die Quadrate anzuklicken, in denen sich Text befindet. Enthalten sechs oder mehr Quadrate Text, ist die Anzeige nicht zulässig. Was ein bisschen aussieht wie das Suchspiel „Finde das Rechteck im Bild“, ist in Wahrheit aber eine komplizierte Angelegenheit, denn auch Text ist bei Facebook nicht gleich Text und umfangreichere Auswertungsmöglichkeiten zur Anzeigenoptimierung fehlen. Warum die restriktiven Werberegelungen so sind wie sie sind, und in welchem Zusammenhang die seltsamen Anzeigen-Designanforderungen mit der propagierten Relevanz der Beiträge stehen, kann Facebook trotz seitenlanger Erklärungen im Internet nicht beantworten.

Facebook – das Scheinargument der Relevanz

Es mag ja sein, dass der soziale Suchalgorithmus für mehr Übersicht auf der Startseite sorgt, mehr Relevanz bringt er in keinem Fall. Jeder Nutzer kann schließlich am besten selbst entscheiden, was ihn interessiert und was nicht. Das Argument der Beitragsqualität dient für Facebook eindeutig dazu, noch mehr Umsatz und Gewinn zu machen, indem die Relevanz und damit die Reichweite von kostenlosen Firmen-und Produkt-Posts sukzessive abgestuft wird. Es ist absolut legitim, dass das soziale Netzwerk sein Geld mit Werbung verdienen will. Nur dann soll Facebook die Dinge auch beim Namen nennen und die Werbetreibenden nicht mit zynischen Ammenmärchen verkohlen.

Wenn Sie sehen wollen, was Ihnen Facebook jeden Tag vorenthält, dann klicken Sie bitte auf versteckte Beiträge bei Facebook sichtbar machen.

*Aus stilistischen Gründen haben wir auf die weibliche Form verzichtet. Gemeint sind aber – sofern nicht anders im Kontext ersichtlich – grundsätzlich beide Geschlechter.
Bilder: © ESM Computer GmbH, Titelbild: © xurzon – Fotalia.com
 
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Stefan Koch

Stefan Koch

Stefan Koch ist Blogger und Marketer aus Leidenschaft. Der Apfel-Jünger mit großem Herz für Windows-Rechner berichtet jede Woche im Blog der ESM Computer GmbH über aktuelle Trends aus den Bereichen IT und E-Commerce und gibt Tipps, wie sich das Leben im digitalen Zeitalter noch angenehmer gestalten lässt.

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