Jetzt mal ehrlich, Facebook…

Jetzt mal ehrlich, Facebook…

Jetzt mal ehrlich, Facebook

Liebe Facebook Inc.,

ich habe die allgemeine Hochschulreife, eine Ausbildung zum Werbekaufmann absolviert und 8 Semester lang Germanistik und Geschichte studiert. Ich habe sprachwissenschaftliche Seminare zur Verbsyntax des Deutschen belegt, Texte vom Mittelhoch- ins Hochdeutsche übersetzt und die Commentarii de Bello Gallico im Original gelesen und in weiten Teilen sogar verstanden. Was mir aber trotz intensivster Beschäftigung mit der Materie bis heute schleierhaft ist, wo ich trotz fast einwandfreier deutscher Sätze (Stichwort: Dekolleté) einfach nur Bahnhof verstehe, sind Eure Werberichtlinien.

Die Alphabetisierungsquote unter Facebook-Usern ist überdurschnittlich

Laut Human Development Index (HDI) liegt die Bundesrepublik Deutschland derzeit weltweit auf einem soliden fünften Platz. Über 97 Prozent der Bevölkerung können hierzulande lesen und schreiben. Unter Euren Nutzern, liebe Facebook Inc., dürfte diese Quote sogar noch höher, nämlich bei satten 100 Prozent liegen. Zu dieser gewagten These komme ich, weil ich weiß, dass bereits das Anmeldeverfahren zu Eurem sozialen Netzwerk für Analphabeten eine im Grunde unüberwindbare Hürde darstellt.

Der hohe Alphabetisierungsgrad Eurer Nutzergemeinde war für mich als Content Manager der ESM Computer GmbH bis vor einigen Monaten auch immer eines der ausschlaggebenden Kriterien, Werbung bei Facebook zu schalten. Tatsächlich – und das können tausende Kunden bestätigen – sind unsere Produkte nämlich ein wenig komplexer als Schnittblumen oder Wurst vom Discounter und bedürfen in vielen Fällen einer Erläuterung, die wir in der Vergangenheit der Übersichtlichkeit halber gerne in der Werbegrafik untergebracht haben. Diese Idee habt Ihr uns aber schnell ausgetrieben. Vermutlich, weil Ihr Euch verrechnet habt und denkt, dass lediglich 20 Prozent Eurer Nutzerschaft hierzulande überhaupt lesen und schreiben können, habt Ihr irgendwann den Textanteil auf den entsprechenden Wert in Werbeanzeigen begrenzt. Jedes Fitzelchen Buchstabe oder Zahl, das die 20 Prozent übersteigt, bedeutet nämlich seitdem das Aus für jede noch so liebevoll gestaltete Annonce in Eurem Netzwerk.

So realistisch ist die Realität

Facebook BilderAls ich neulich nach der Sesamstraße noch ein wenig aufbleiben durfte und ohne Genehmigung meiner Mama durch die Programme zappte, stieß ich völlig perplex auf eine schlimme Horror-Fernsehsendung mit dem seltsam klingenden Namen „Tagesschau“. Was ich darin zu sehen bekam, erschütterte mich zutiefst. Weit und breit kein Lächeln, ernste und besorgte Gesichter dominierten. Ständig wurde von Krieg, von schweren Unfällen und von Naturkatastrophen gesprochen. Die Bilder waren so verstörend, dass ich mich seitdem weigere, mich auch nur in der Nähe eines Fernsehers aufzuhalten.

Natürlich ist das völliger Quatsch. Ich schaue vermutlich seit meiner Grundschulzeit regelmäßig die Fernsehnachrichten und habe im letzten Vierteljahrhundert keine einzige schlaflose Nacht deswegen verbracht. Vielleicht bin ich völlig abgestumpft, vielleicht habe ich aber auch einfach nur wie jeder andere rational denkende Mensch akzeptiert, dass das Leben und das Weltgeschehen mitunter sehr dramatisch sein können.

Man kann sicherlich darüber diskutieren, ob es notwendig ist, drastische Bilder wie die eines abgerissenen Kopfes in der Hand eines Monsters als Werbung bei Facebook zu posten. Ganz sicher ist es aber völlig lebensfremd, selbst Bilder eines verunfallten Autos als Annoncenbild zu verbieten.

Interessant, liebe Facebook Inc., ist in diesem Zusammenhang auch Eure Vorstellung von übermäßig sexualisierter Darstellung, die ja ebenfalls verboten ist. Das Bild einer jungen Frau im BH als Annonce zu posten, ist erlaubt. Sitzt dieselbe Dame hingegen im Unterhemd mit Laptop auf einer Couch, ist die Werbung unzulässig. Offen gestanden war mir bis dato nicht bewusst, dass Notebooks eine derart obszöne Wirkung auf Eure Nutzer haben können.

Was habt Ihr eigentlich gegen persönliche Ansprachen?

Der Name Fred ist wirklich faszinierend. Man kann ihn von Frederik oder Ferdinand ableiten. Man kann mit ihm Kugelschreiber, Aschenbecher und sogar T-Shirts bedrucken lassen. Das einzige, was man als Facebook-Werbekunde mit dem Namen tunlichst unterlassen sollte, ist,  Nutzer in einer Werbeanzeige fragen, ob sie Fred heißen. Das ist nämlich bei Euch strengstens verboten und führt zum Stopp der Annonce. Vermutlich, weil sich ein Götz, ein Hans oder ein Korbinian benachteiligt fühlen könnten.

Richtig skurril wird es bei Euch auch, wenn es um das Alter geht. Dienstleistungen für Teenager anzubieten, ist erlaubt. Medizinische Studien für 18- bis 24-jährige zu bewerben ebenfalls. Wer hingegen Angebote für Autoversicherungen postet, die sich an eine klar umrissene Altersgruppe richten, wird Pech haben. Derartige Werbung bei Facebook verstößt gegen die Werberichtlinien.

Die Liste für Beschränkungen der Werbemöglichkeit in Eurem sozialen Netzwerk läßt sich beinahe beliebig weiterführen. Über Sinn und Unsinn ließe sich vermutlich wochen- und monatelang diskutieren. Dass Werbung in Eurem sozialen Netzwerk nicht irgendwann zum Spießrutenlauf und grauen Einheitsbrei wird, hofft deshalb inständig

Euer „Noch-Liker“

Stefan Koch

Bilder: ESM Computer GmbH
Titelbild: © stokkete – Fotolia.com

Stefan Koch

Stefan Koch

Stefan Koch ist Blogger und Marketer aus Leidenschaft. Der Apfel-Jünger mit großem Herz für Windows-Rechner berichtet jede Woche im Blog der ESM Computer GmbH über aktuelle Trends aus den Bereichen IT und E-Commerce und gibt Tipps, wie sich das Leben im digitalen Zeitalter noch angenehmer gestalten lässt.

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